Ich bin Pirat – oder: Wie waren Piraten erfolgreich

5 Gedanken zu “Ich bin Pirat – oder: Wie waren Piraten erfolgreich”

  1. Eigentlich ist der Text ein schönes Beispiel warum es nicht funktioniert hat und auch bei einem Neuanfang nicht funktionieren wird. Es gibt kein zurück, der Zug ist abgefahren.

    Eigentlich könnte man schon die Formulierung der Grundwerte hinterfragen. Auch da gibt es Interpretationsspielraum. Aber nehmen wir mal an, dies wären tatsächlich die Basis des Piratseins.

    Schon der nächste Schritt zeigt exemplarisch, dass das einfach nicht reicht. Aus Nachhaltigkeit, Vernunft und Nutzung von Wissen kann man auch Problemlos für die Atomkraft sein (Viele Piraten sind für AKWs – https://wiki.piratenpartei.de/AG_Nuklearia) Es gibt Vernüftige (Gefahrenabschätzung, Utilitaristisch), Nachhaltige (Platzverbrauch, Klimaerwärmung) Argumente für AKWs. Die Einschätzung Pro oder Kontra, basiert auf vielem, aber sicherlich nicht auf solch vagen Absichtserklärungen zu groben Konzepten welche nicht ausdefiniert wurden.

    Darum sind auch alle „liberal“ und stehen für „Grundrechte“ – aber in konkreten Sachfragen stehen sich oft mehrere Prinzipien im Weg und müssen gewichtet werden. Und den Piraten fehlt das einende Element um diese Konflikte zu lösen oder die grosse Idee welche sie zusammenhält.

    Es gibt glaub ich kaum eine Frage bei welcher es nicht eine grössere Minderheit gab welche die komplett konträre Ansicht vertrat und sich natürlich auf die gleichen Grundlagen berief.

    „Mit diesem Handwerkszeug lässt sich zu fast jeder politischen Fragestellung eine [eindeutige] Antwort finden.“? Eine Antwort finden ist nicht schwer – eine eindeutige Antwort finden ist aber nicht möglich mit solch vagen Ideen.

    Und damit ist der Rest des Textes Makulatur, weil beide Seiten berufen sich auf das gleiche Fundament, und beide Seiten haben gute Argumente. Ehrlich ist eben, auch zu zeigen, dass es für konkrete Probleme keine Eindeutige Antwort gibt, es ist immer eine Medaille mit zwei Seiten. Die Piraten waren keine Partei – es war nicht möglich Leute auszuschliessen die zu weit weg waren, weil viele Piraten die Partei mit einem Staat verwechselt haben. Es ist keine Zensur wenn man Spinner rauswirft und es ist auch kein Beinbruch wenn der Vorstand seine Meinung kund tut. Die neurotische Zwangsstörung zwischen „Vorstandsmeinung“ – „Parteimeinung“ und „Persönlicher Meinung“ zu unterscheiden hat viel mehr Schaden angerichtet als die sachlichen Meinungsunterschiede ob man jetzt für oder gegen AKWs, für oder gegen BGE und, für oder gegen Geheime Abstimmungen war.

    Die grossen Meinungsverschiedenheiten und mit ihr die emotionale Involvierung eines grossen Teils der Piraten hatte vor allem damit zu tun, nicht akzeptieren zu können, dass auch andere Antworten richtig sein könnten. Beide Seiten waren sich immer vollkommen einig, dass sie die Wahrheit gepachtet hatten.

    Die Millenials sind eine Generation welche nicht gerne zurücksteckt – absolutistische Meinungen gehören dazu. Auch ich habe Mühe mit Meinungen die (für mich) offensichtlicher Unsinn sind. Aber in einer Partei wird man niemals alle seine Ideen erfüllt sehen. In einem Gemeinwesen wird es immer wieder widerspruch geben. Wenn ein grosser Teil einer Partei mit widerspruch nicht konstruktiv umgehen kann und stattdessen mit allen Mitteln die andere Meinung zerstören will wird sich immer selbst zerstören.

  2. Zu dem Punkt im Nachtrag: Der Antrag SO012 war eine Co-Produktion von mir und Michele Marsching. Wir hatten beide Anträge zum Einsetzen einer Programmkommission eingereicht. Statt gegeneinander zu wettern haben wir beide Anträge zusammengeführt. Der Absatz mit der „geschlechtersensiblen“ Sprache stammt dabei aus meiner Vorlage. Und ich bin alles andere als ein Freund von Gendern, Binnen-I und Sternchen. Das „geschlechtersensibel“ war so gemeint (und bei der Antragsvorstellung auch so erklärt), dass man soweit möglich ganz auf die Erwähnung von geschlechtsbezogenen Begriffen verzichtet (Beispiel: statt der Vorstand besser die Vorstandschaft). Damit würde man das ganze Problem des Genderns umgehen. In der Partei sind noch immer ettliche Menschen, die sich dem „progressiven“ Lager zugeordnet fühlen. Das ist auch gut so. Die Ultras vom äußeren linken Rand, sind weg, mit den verbliebenen kann man reden. Und diese Leute müssen auch mitgenommen werden. Daher war der Antrag modular aufgebaut, so dass das mit dem Geschlechtssensibel angenommen wurde.
    De facto nutzt der gesamte Antrag allerdings etwas. Das Wahlprogramm wurde durch eine Programmkommission überarbeitet, teilweise gemäß Antrag umformuliert und fehlerkorrigiert. Genau das war die Intention. Trotzdem ist das Programm nicht wirklich gegendert. Und das ist auch gut so.

    1. Ohne zu sehr darauf einzugehen, 2 Dinge.

      1. Es ist immer der Text relevant, der abgestimmt wird, nicht seine Erklärung. Wenn ein mehrfach verständlicher text abgestimmt wird, zählt das, wie man den Text versteht.

      2. Auch Konstrukte wie „Vorstandschaft“ sind falsch. -schaft ist ein Derivatem, um Abstrakte Kollektivbegriffe abzuleiten. Diese meinen dann stets etwas viel spezielleres, als der ursprüngliche Begriff. Daher klingt Vortandschaft auch schon falsch, oder „seltsam“. Die Landschaft ist ein besonderer Teil des Landes. Die Freundschaft ist eine besondere Beziehung zu Freunden, ist also kein Mensch, wie das Grundwort. Die Burschenschaft ist eine besondere Verbindung von Studenten und ehemaligen. Die Gesellschaft ist ein Zusammenschluss von Gesellen. Ein Geselle ist jemand, mit dem man ein Lager/Haus/Bett teilt, also das, wo man wohnt & lebt. Ein Geselle ist jemand, mit dem man sich in Freundschaft zusammen gefunden hat. Man darf darauf warten, bis die Gesellschaft nicht mehr gesellschaftsfähig ist, weil es doch Gesellschaft und Gesellinenschaft heissen müsste, oder … #not

      Ein Vorstand ist ein Organ, das aus einer oder mehreren Personen besteht. Diese Personen sind Mitglieder. Ein Vorstand ist daher nicht notwendigerweise eine Person. Wenn jemand sagt „ich bin Vorstand“, und das Organ besteht aus mehreren Personen, dann ist diese Ausdrucksweise schlampig und falsch, denn dann ist diese Person nur Teil des Vorstands. Eine Vorstandschaft müsste ein Kollektiv von Vorständen, also ein Kollektiv von Vorstandsorganen sein. Was das sein soll, ist mir unklar.

      Auch wenn du mit „Vorstandschaft“ die Mitglieder eines Vorstands meinst, ist das nicht mit dem Organ „Vorstand“ identisch. Und als nächstes kommen dann Begriffe wie Parlamentschaft, Regierungsschaft, Ausschussschaft oder Präsidentschaft.

      Fazit: Solche ungewöhnlichen Sprachkonstrukte machen das Lesen und verstehen von Texten schwer bis unverständlich. Sie lenken vom Inhalt, der eigentlichen Aussage ab, indem ein Schwerpunkt auf der Metaebene des Textes liegt. Einfache, verständliche Sprache geht anders.

      Einfache, verständliche Sprache sollte sich zumindest am Grundprinzip der Ikonizität orientieren. Wollte man damit gendern, müsste man lediglich analog zum weiblichen Derivatem -in ein männliches Derivatem einführen. – Und vielleicht sollte man aufhören, das Standard-Genus „Maskulin“ zu nennen. Das irritiert doch einen Großteil von Sprachlaien.

      Gute Texte sind wichtig. Keine Frage. Sprachlich zu redigieren, vor allem bei offensichtlichen Felhern halte ich für ok.

      Wir sind in Niedersachsen eine Zeit lang einen anderen Weg gegangen. Wir haben als Teil des ELWS-Systems die Anträge vor der Abstimmung „gut“ gemacht. Das ist mehr Arbeit, als wenn man nur die angenommenen Anträge „gut“ macht, aber wie wichtig kann ein Antrag sein, wenn er nur schlampig gemacht wird?

      Warum ist die Partei nicht einfach bei ihrer viel beachteten „postgender“-Position geblieben und versucht nun auch Sprache zu verdrehen? Postgender war ein Herausstellungsmerkmal, das viele Mitglieder jeden Geschlechts besonders attraktiv fanden. Wenn das nicht so wäre, hätte es 2012 nicht den heftigen Wirbel darum gegeben. Heute gendert die Partei, und manchmal auch nicht.

      Dass die Konflikte um die „progressiven“ immer noch nicht gelöst sind, zeigt auch die aktuelle PM zu linksunten und die Kommentare dazu, oder auch diese Diskussion auf Facebook.

  3. Ich glaube, da stößt du eine wichtige Tür auf. wir brauchen eine Wertebestimmung. Die von dir beschriebenen Probleme sind natürlich im Ansatz angelegt: wenn wir denn mehr Demokratie wagen wollen, mehr Mitbestimmung, Privatsphäre der Bürger, bei voller Transparenz des Staates, wer soll denn da bitte teilnehmen und den Staat repräsentieren, außer diese vielen, vielen Menschen da draußen, mit ihren ganzen verschiedenen Ansichten und Meinungen?

    wie wir nun alle gesehen haben, ist dieses Problem in seiner Gesamtheit verdammt schwer aufzulösen. Dennoch machen die einzelnen Punkte, für sich genommen, ja durchaus Sinn. Wenn man nicht von jedem mehr demokratie-wagenden Menschen totale Transparenz verlangen wollte, könnte diese eine Software herstellen. Sie ist Open Source, oder legt zumindest alle ihre relevanten Rechnungen offen (ToolTips oder Protokolle). Sie ist ähnlich selbsterklärend und einfach gehalten wie z.B. der Wahl-o-Mat.

    Sie stellt geheime Wahl sicher, indem jeder Bürger sich bspw. einen eindeutigen Hashcode (Schlüssel) aus seinen Ausweisdaten erzeugen kann. Apple macht es mit dem Touch Sensor vom iPhone vor, wie das geht. Aus dem Schlüssel an sich ist der Bürger (Name) nicht einsehbar, er dient nur zur Verifikation der einmaligen Stimmabgabe seines Besitzers. Gäbe man jedem Bürger statt Perso z.B. genau ein iPhone (und sonst keinem), ist es schon fertig.

    Nun kann der Bürger sicher und geheim abstimmen, und die Wahl ist trotzdem nachvollziehbar, da jeder seine Stimme leicht nachverfolgen kann. Bei Verdacht auf Missbrauch prüfen viele nach.

    Wichtig fände ich füt die Piraten, dass wir uns über die Gewichtung unserer Grundwerte klar werden. Im Einzelfall bieten wir hierzu ja bereits Lösungen, etwa die verlinkten Persönlichkeitstests, aus denen man seinen „Kompass“ zwischen autoritär und liberal, kommunistisch/sozial und egoistisch/selbstbestimmt ermitteln kann.

    Was uns fehlt, ist eine Piratenethik. Wenn wir eine Liste von 42 Grundwerten aufstellen, jeder nicht länger als ein Tweet, und dann darüber abstimmen lassen, dann können wir endlich ermitteln, wer wir sind und wofür wir als Piraten heute stehen. Und wenn wir dann wachsen, dann wachsen wir automatisch in eine Zukunft der wichtigen Themen hinein, die sehr vielen Menschen am Herzen liegen.

    Wenn wir aber weiter herumstreiten, warum Pirat A in 201x den Pirat B aus yx nicht unterstützt hat, oder uns gar in der Diskussion Datenschutzt gegen Transparenz verlieren, dann sind wir doch alle am Ende nur Rechthaber, die andere zum eigenen Vorteil über den Tisch ziehen wollen, um mit dem endlich gefundenen besseren Argument diese eine Diskussion doch noch zu gewinnen.

    Und das würde aus meiner Sicht dem Grundwert der Partizipation widersprechen. Denn sie bedeutet Basisdemokratie, die Vielfalt der Meinungen. Die bedeutet, der Stimme des kleinen Mannes, der kleinen Frau endlich genau so viel Gehör zu verschaffen, wie der des berühmten Politikers und des reichen Lobbyisten, die sich kannten. Also können wir nicht gewinnen, wenn wir uns gegenseitig vernichten, um das eigene Ding durchzubringen. Das wäre aus meiner Sicht unpiratig. Und mit den Fingern aufeinander zeigen nach der verlorenen Wahl? – also, mir wär das ja peinlich.

    Das wäre in etwa so, als wenn wir uns an den Wahlkampfstand stellen mit den Worten „Hallöchen, ich bis Basisdemokrat und ich habe es nicht verstanden, was das bedeutet“.

    Und von daher bin ich mal gespannt, was bei der Abstimmung herauskommt. Ich glaube nämlich, da wäre unsere Top 10 gar nicht so unwichtig. Und vielleicht wär das ja sogar eine Idee für eine transparente Mittelvergabe.

    Viele Grüßr aus Neuland,

    Martin Bernhardt

    P.S. klar, man soll mit gutem Beispiel vorangehen, von daher auf dem Blog mal nach „Pirate Desire“ schauen. It‘s a work in Progress 🙂 na, auch wenn’s noch nicht viel kann… wenigstens funktioniert es einwandfrei, erhebt keine Daten, die Rechnungen sind voll transparent, und die Crowd kann über zwei Wettbewerbe mitbestimmen, die zusammen eine Art Waage über unsere kleine Unternehmung bilden.

    Einsam sind wir verloren, gemeinsam sind wir stark. Ah ja, paar tausend Piraten gaben mir da ein paar Hinweise, was noch fehlt und so. Be part of it 🙂

    1. Das mit den Werten wollte schon 2010 keiner wissen. Wichtiger war es, Programmanträge zu machen, um eigene detaillierte Vorstellungen zum eigenen Lieblingsthema verabschiedet zu bekommen. Einzelne Programmfitzelchen, statt neues Betriebssystem.

      Zur geheimen nachvollziehbaren Abstimmung:
      Eine Wahl kann nur dann nachvollziehbar sein, wenn man alle Stimmen nachvollziehen kann, nicht nur die eigene. Wollen viele zusammen eine echte oder vermeintliche Manipulation aufdecken, müssten sie dazu ihr Wahlgeheimnis verraten, oder man müsste ein 2. Mal geheim abstimmen, z.B. auf Papier.

      Biometrische Fingerabdrucksysteme sind unsicher und uneindeutig. Man kann leicht einen künstlichen, universalen Fingerabdruck herstellen, der über 50% aller Zugangskontrollen überwindet.

      Nicht ohne Grund haben die Piraten „schon immer“ Wahlcomputer abgelehnt … bis man sich breitgeschlagen hat, das LQFB einzuführen.

      Kompass…
      Den Kompass zu fragen, nachdem ein Mitglied eingetreten ist, ist zu spät. Hat man dann Mitglieder, die inkompatibel sind, wird man sie nicht (einfach) los. Hat man zu viele davon, reibt sich die Partei auf. Wie gesehen. Eine Partei muss parteiisch sein.

      Piratenethik.
      Es gibt da diesen alten Kodex im Wiki…

      Basisdemokratie…
      War nie Teil des Grundsatzprogramms der Piraten. Das Grundsatzprogramm fordert „mehr Demokratie“ und nennt Beispiele wie Panaschieren. Was die Partei mal war, lief unter dem Namen „Mitmachpartei“.

      Be Part of it…
      Bin ich leider nicht mehr. Wenn eine Partei sich nur 3 Minuten gönnt, um zu entscheiden, wer Mandatsträger wird, in einer Partei mit Leuten, mit diametral zueinander stehenden Interessen oder Ansichten, bei so einer Partei weiss man nicht, wem, welcher politischen Richtung man als Mitglied oder Wähler am Ende zum Mandat verhilft. Man wählt dann lieber eine Partei, von der man eher davon ausgehen kann, das deren Mandatsträger dann auch in etwas das tun, was man selber für richtig hält.

      Ich weiss heute nicht mehr, wo die Piraten stehen, und ich war selber 3 x LaVo, und 3 x 1V im KV. Das Programm sagt nicht, wie die Partei im Parlament handeln wird, denn dort entscheiden die gewählten Mandatsträger, die nicht an das Programm gebunden sind, sondern an sich selbst.

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